Aufwachen, erwachen, erwachsen werden

April 2021 —–

Das Szenario.

Vor kurzem, an einem Dienstag, stehe ich vor unserem Haus. Plötzlich klirrt es, vibriert, alle Dachziegel tanzen. Ein merkwürdiger, irgendwie großer Moment, ich erfahre bald darauf, dass in 10 km Tiefe, unter Neunkirchen, ein Erdbeben der Stärke 4,7 gemessen wurde.

Wir haben viel Zeit im Golf von Neapel verbracht, oft wochenlang. In Pozzuoli, ein wenig westlich von Neapel, hebt und senkt sich der Boden im Lauf der letzten Jahrzehnte bis zu sechs Meter, wie eine elastische Decke. Pozzuoli liegt – dicht besiedelt – in den Campi Phlegraei. In diesen „brennenden“ Feldern, in denen schwefeliges Wasser blubbert, ist erst 2017 ein Elternpaar mit Sohn an den giftigen Gasen erstickt. (Man kann dort touristisch herumwandern … so wie im Yellowstone Park. Beide gelten als Super-Vulkan.)

Der Ausbruch des Vesuv 79 n.Chr. hat einen Alltagsmoment der Antike in Pompeji und Herculaneum in Asche konserviert. Bis heute kann man in Herculaneum 300 Skelette der Menschen sehen, die in Bootshäusern Schutz gesucht haben. Die Abdrücke der Opfer in Pompeji sind weithin bekannt.

Irgendwo habe ich – sinngemäß – diesen Satz aufgeschnappt: Wir leben auf der dünnen, schimmeligen Schicht einer Kugel, die durch lebensfeindlichen unendlichen Raum rast. Und das auf einer instabilen Plattenkonstruktion, auf einer glühenden Lavaschicht hin und her geschoben von gigantischen Kräften. Anlässlich des Erdbebens habe ich recherchiert, wie oft die Erde in Österreich bebt – oft!

(Wie, sie schreibt nicht über Corona? Doch, im weitesten Sinn schon!)

Wir sind eine unglaubliche Spezies, die ihren Geist in grenzenlose Weiten schicken und doch das ganz Offensichtliche verdrängen kann: Wir existieren, umringt von unvorstellbaren Katastrophenpotentialen, und alle sterben wir, nach einem kurzen Moment des Daseins. Aber – wurscht! In diesem kurzen Moment entfalten sich äußere und innere Reiche von großer Schönheit, unermesslichem Wahnsinn, grotesker Blödheit, himmlischer Schöpfungskraft. Und weil wir uns gerne Geschichten über diese Fantasie-Reiche, diese Tänze auf dem Vulkan, erzählen, könnte eine Geschichte so gehen:

PILOT – Die gute Mutter.

Es war einmal eine Menschheit, die lebte recht friedlich im Schoß der Mutter Erde. Sie jagte, aß, schlief, malte, musizierte, vermehrte sich (mit Bedacht), und war insgesamt gesünder und glücklicher als in späteren Epochen. Als Mutter Erde jedoch immer wieder für unwirtliche Lebensbedingungen sorgte (11.000 v. Chr. hat der gigantische Vulkanausbruch in der Eifel die Menschen sicher tief traumatisiert, und sich vielleicht als Hölle in unserem Unterbewusstsein gehalten), da wurde aus der freundlichen, nährenden Gestalt nach und nach eine furchterregende Unterweltgöttin, die nicht zu kontrollieren war.

Season 01 Episode 01 – Der Hunger.

Langsam, langsam, und wohl auch aus bitterem Hunger, erlernte die Menschheit Ackerbau und Viehzucht. Das Wetter kam von oben, es machte die Erde fruchtbar oder vernichtete die Ernte, ganz nach Belieben – wie ein zorniger Himmelsvater. Die Menschheit blieb kindlich, lernte, sich vor dem Weiblichen zu fürchten und es zu kontrollieren, den Vater mit Gebeten (sprich Forderungskatalogen) und Opfern zu beschwichtigen und zu manipulieren. Und sie vermehrte sich stark, der Vater gewann an Macht, die Mütter wurden immer mehr verdrängt.

S01E02 – Selber!

Wir spulen vor: In der Antike erwachte so etwas wie ein trotziges Schulkind in der Menschheit. Ich will selber, lautete die Devise. Es begann zu forschen und Wissen zusammen zu tragen. Oft abstrus, oft genial, bis in der Renaissance so viel davon da war, dass es erkannte: Mutter Natur und der Vater im Himmel sind nicht so allumfassend, wie wir geglaubt haben. Wir können sie verstehen, vermessen, darstellen, durchschauen. Das Menschheitskind fuhr sozusagen das erste Mal allein auf Ausflug, mit Segelschiffen auf unbekannte Horizonte zu. Die Erde machte es sich untertan, und Gott wurde immer weiter entthront, aufgeklärt, für tot erklärt.

S01E03 – Kriegst eh alles!

Als die Menschheit begann, selber so richtig schöpferisch zu werden, in zwei Wellen  – Industrialisierung/unendliche Verstärkung der Körperkraft, und Digitalisierung/unendliche Verstärkung der Geisteskraft – waren Gott und Natur endgültig zu zwei kleinen Gestalten in der Vergangenheit geworden. Seither toben wir herum, vermehren uns exponentiell, pickelig, hormongesteuert und ohne Plan. Wir bilden Gangs mit Farben (rot, türkis, blau, grün und pink), mobben die Anderen (Juden und Ausländer), legen Städte in Schutt und Asche, gehen über jede Grenze und wollen möglichst viel für uns selbst haben, koste es was es wolle. Pubertät eben.

S01E04 – The Virus.

Jetzt merken wir: Mutter Natur ist grantig. Sie wirft mit Dreck (Viren) um sich, stürmt und schäumt vor Wut. Das Klima zu Hause ist scheiße. Gottvater schmollt, weil niemand mehr auf ihn hört, schweigt trotzig, und vergreift sich manchmal zum Trost an kleinen Buben. Oder – öfter – an großen Besitztümern. Wir sind praktisch an einem Höhepunkt der Geschichte. Drama pur. Der Moment, bevor der Held/die Heldin merkt, was zur Lösung der Krisis notwendig ist. (Werden wir es schaffen???)

S01E05 – Teile und herrsche – divide et impera.

Einstweilen tappen wir noch im Dunkeln. Einstweilen, wie in jeder guten Story der letzten 2.000 Jahre, teilt sich die Gruppe. Da gibt es die Braven:

Sie ernähren sich gut, machen Bewegung, achten auf tiefen Schlaf, entspannen sich, gehen spazieren, nehmen Vitamine, sind ehrlich, tolerant, friedliebend, weichgestreichelt. Sie wollen Gutes tun, weil sich das gehört, und wenn es nur ein Klick auf die richtige Petition ist. Sie erklären ihren Kindern alles und sind auch zu ihnen ganz lieb, immer. Sie sind betroffen, haben Mitgefühl, sind dankbar, glatt, weich, gegendert, verplant. Sie gehen 10.000 Schritte, trinken ja keinen Rotwein, wollen alles richtig machen, und essen auch kein Fleisch. Sie wollen ganz unbedingt, dass es der Mama wieder besser geht und der Vater wieder lieb zu ihnen ist.

Und selbstverständlich gibt es die Anderen, die Bösen. Die ganz Wilden, die aus der letzten Reihe. Die den Lehrer plagen, an Gesundheitsminister Morddrohungen schicken. Die sich untereinander famos, mafios, das Staatssilber aufteilen wollen. Die rausgehen, eine rauchen. Die gern das Parlament oder den ORF stürmen wollen. Die abgehängt werden, weil sie keine langen Sätze verstehen. Die nichts kapieren, weil sie nie gelernt haben, wie man was kapiert. Die Krankenhäuser kaputt sparen. Die gern unter sich bleiben. Die saufen und ihre Frauen prügeln. Die shoppen und ihre Männer verachten. Die nicht schön wohnen. Die ihren Kindern Geld geben, damit sie eine Ruh geben. Die mit Mama und Papa längst abgeschlossen haben, null Respekt (und vielleicht einiges an Schmerz).

Die Einen verachten die Anderen, weil sie sich selbst für klüger halten (und nichts dafür können, außer der Gnade der Geburt). Die Anderen verabscheuen die Einen, weil sie spüren können, wie diese Einen sie für blöd halten (obwohl sie nichts dafür können, dass sie nicht an die Bildungstöpfe gelangt sind). Und natürlich gibt es das Gute und Böse auch in wilder Mixtur in jedem von uns, was uns ein bisschen peinlich ist. Die Mutter hat uns scheinbar aufgegeben – warum auch nicht, die Natur hat Millionen Nachkommen aller Art und braucht uns nicht im Geringsten für ihren Fortbestand. Der Vater im Himmel wird angesichts der forschenden und fragenden Wissenschaften zu einem fahlen Konstrukt, das im Spiegel verweht.

Jetzt, jetzt, ein Cliffhanger!

Upcoming soon: Season 02

Werden es die jugendlichen Rotzlöffel hinkriegen, dass sie erwachen und sehen, dass sie einfach nur ein kleiner Teil von Allem sind, statt Fantasy-Heroes – gut oder böse? Werden sie erkennen, dass sie nichts weiter sind als kleine, unwichtige, ein bisschen gestörte Verwandte in der riesigen Öko-Familie? Werden sie aufwachen, und in winzigen, konkreten und wirklich mühsamen Schritten lernen, wie das geht – in der ihnen zustehenden Nische erwachsen werden?

Stay tuned!

Zwei Möglichkeiten: Auf die nächste Staffel warten, mit Fernbedienung und Knabberzeug. (Working title: Change by desaster.)

Oder selbst rausgehen, Team suchen, Kommunikation beginnen, handeln – dienen! Verzichten! Soziales Jahr!

Oder?

… vielleicht hilft das auch alles nichts, siehe Lava, siehe Plattentektonik, siehe Katastrophen. Das aber macht uns so richtig schön, als Spezies, die das zweifelhafte Potential hat, den eigenen Untergang vorher zu sehen: Trotzdem alles versuchen. Und da sind wir doch auf einem ganz guten Weg, alles in allem.

Hier passt noch einmal der Verweis auf das Buch „Unruhig bleiben – Staying with the trouble“

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