Vom Leben auf Vulkanen/im Paradies

Das Jahr 2022 – die eine und die andere Seite

März 2022 —

Also, erst einmal ausholen.
Wir leben auf einem Planeten, der einerseits aus Feuer und ungeheuren tektonischen Kräften besteht. Auf diesem Planeten ist andererseits eine hauchdünne Haut aus Cyanobakterien -> Chlorophyll -> Wasser, Luft, Humus -> Pflanzen, Tieren, Steinen und uns. Rundherum ist sauerstoffloses Nichts, ein Universum, dass irgendwann mit einem Knall begonnen hat, sich ausdehnt, schwarze Löcher und dunkle Materie enthält und irgendwann endet – was wir nicht mehr mitbekommen werden, weil bis dahin die Erde in die Sonne gestürzt sein wird.

Wir leben auf einem Planeten, der brandgefährlich ist. Jederzeit kann der Yellostone Supervulkan oder der Supervulkan auf den Campi Flegrei bei Neapel losgehen. Jederzeit kann es fürchterliche Katastrophen, Erdbeben, Flutwellen und Ähnliches geben. Das Klima ändert sich auch ohne unser Zutun, mit unserem Zutun noch gravierender.

Warum sind wir hier? Warum haben wir Städte, Gesellschaften, Wirtschaft erfunden? Wieso gibt es Kunst? Wie kommt es, dass wir gleichzeitig so genial, liebevoll, visionär (paradiesisch), und so korrupt, räuberisch, zerstörerisch (vulkanisch) sein können? Wieso haben wir einen Geist, der unsere eigene Zerstörung erschaffen, Mittel dagegen ersinnen, sich unseren Untergang, aber auch unser Überleben vorstellen kann?

 

Noch einmal ZWEI. Wir sind beides. Wir bringen Hitler, aber auch die Nürnberger Prozesse hervor. Wir haben eine Bananenrepublik, und die WKStA. Wir lieben unsere Kinder und Partner*innen, und manchmal würden wir sie am liebsten auf den Mond schießen. Wir sorgen uns um die Natur und fliegen in Urlaub. (Ja. Haben wir gerade gemacht.)

Nach 10.000 Jahren Sesshaftigkeits-Schlamassel wird das mit dem ZWEI scheinbar immer überwältigender. Ich glaube, viele Menschen können die Spannung zwischen unserem unfassbaren sternengleichen Potential und unseren höllischen Abgründen nicht mehr gut aushalten. Ich glaube, wir werden alle ein bisschen verrückt – zumindest enorm stark unter Druck gesetzt durch Gegensatzpaare, wohin wir schauen:

Mann – Frau (und noch andere binäre, trans-/inter Menschen)
Vergangenheit (unbewältigt) und Zukunft (zum Fürchten)
Massen und Bevölkerungsexplosion – Isolation und Einsamkeit
Staat (mit alles) – Freiheit (mit alles)
Digitalisierung und künstliche Intelligenz: grenzenloser Zugang/globalisiertes Wissen – gläserige, potentiell totalitäre Überwachung
Unvorstellbarer Reichtum für die Elite – bitterste Armut für zu viele
und
Frieden und Glück (von der Werbung versprochen, ein Recht!) – Krieg und Atomwaffen (eh die ganze Zeit irgendwo, aber bisher angenehmerweise weiter weg)

 

Das Bild von den Vulkanen und den Bäumen kommt aus einem weiteren ZWEI, nämlich der interessanten Kombination aus unserem Erholungsurlaub nach den vielen Umzügen, und dem kriegerischen Einmarsch in die Ukraine gleich am ersten Tag.

Auf dem Weg nach Sizilien haben wir von oben in den Vesuv-Krater geschaut, gesehen, wie der Stromboli gemütlich vor sich hin qualmt und den frisch ausgebrochenen Ätna mit grauen Rauchfahnen aufragen sehen. Schaurig-schön.

In Palermo sind uns die Augen über gegangen: Riesige Feigenbäume, mit Stützen und Stämmen, urzeitlichen Wurzelsystemen, Ficus Macrophylla, ein schieres Symbol für Schutz und Kraft. Der botanische Garten der Stadt  ist paradiesisch, mit wilden Papageien und einer wuchernden grünen Stille, mitten in Chaos und Dreck.

 

Mit diesen starken Bildern und jetzt, wo die Welt auf den Kopf gestellt ist, wird mir noch ein bisschen klarer: Ich weiß überhaupt nichts – es geht gar nicht. Ich habe keine Lust, mit Meinungen um mich zu werfen, meine Energie in Aufregung und mediale Zermürbung zu legen. Keine Analysen, keine betroffene Kategorisierung von Guten und Bösen. Alles, was ich zu tun habe, ist zu spüren, was ist, und mich radikal für die Liebe zu entscheiden.

Natürlich fürchte ich mich, oft. Immer wieder langt die Realität zu, und meine Knochen werden zu Eis, wenn ich mir vorstelle, was alles passieren könnte. Wie es sich anfühlen könnte. Was meinen Kindern, dem Enkel, allen Kindern, allen Enkeln zustoßen könnte. Wie wir, verwöhnt und verzogen, Hunger, Kälte, Armut und Schlimmeres aushalten können müssten – wie so viele, viele andere Menschen auch.

 

Ich glaube, es geht nicht um Liebe oder Angst. Die Angst kommt sowieso, mehrmals täglich, und so gut ich kann, will ich mich für die Liebe entscheiden, radikal. Ich will nach Kräften Räume für Schönes, Menschliches, Schöpferisches hochhalten. Wenn ich um etwas kämpfe, dann darum, dass nicht die Angst übernimmt, weder in mir, noch in meinen Beziehungen, in meiner Umwelt, sondern die konkrete Liebe (nicht der romantische Kitsch).

Denn das ist wohl die einzige wirkliche Wahl, die wir haben – zwischen Liebe und Angst. Angst ist ein großer Motor dafür, sich zu sorgen, aggressiv zu werden, zu jammern, sich unterlegen und ungerecht behandelt zu fühlen, zu tricksen und zu manipulieren, einen Panzer anzulegen, zu hassen und zu zerstören.

Wenn wir statt dessen atmen und unser Herz spüren = die Angst verwandeln, uns um Mitgefühl bemühen, um Sanftheit, während wir standhaft bleiben und unsere Integrität schützen, die Wahrheit sagen und für etwas kämpfen ohne zu verletzen, nähern wir uns der Liebe an. Das Ganze in einer wirren, angespannten Corona-Gesellschaft – was für ein Trainingslager!

 

Damit kann aus ZWEI Alles werden, weil alles enthalten ist – Vulkan und Paradies. So wie unser Planet eins ist, ungeteilt. Und das gibt wieder einen enormen Halt, wie der Feigenbaum, und eine enorme Kraft – wie ein Vulkan.

(Wer weiß, was am Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in Wirklichkeit dran ist?)

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